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venedig

eine serie von 45 bildern ueber ein stilles venedig. uebergaenge, kurze wahrnehmungen, gedanken. fragile momente zwischen erstarrung und bewegung.

november 2010
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oeffnung der schatzkiste

es war noch dunkle nacht, als ich muehsam aus dem bett kroch,
um die stadt kurz fuer mich alleine zu haben.
der nachtportier
schien an die marotten seiner gaeste gewoehnt zu sein,
er verzog keine miene,
als er mir die tuer zur schatzkiste oeffnete.

g. casanova lebt

mit etwas phantasie,
koennte diese szene wohl auch aus einer zeit stammen,
in der die beleuchtung von gaslaternen stammte
und giacomo casanova durch die naechte venedigs zog.
sogar die uhrzeit koennte stimmen:
sehe ich da nicht seine schemenhafte gestalt in der ferne,
liebestrunken schwankend, auf dem weg nach hause?

spiegelung

im grunde glaube ich,
dass wir die welt nicht wirklich sehen.
sondern nur ihr spiegelbild;
eine version, die durch unsere
erinnerungen, wuensche und aengste
gegangen ist.

gondeln im halbschlaf

es war tag geworden, aber noch ruhten die gondeln.
die stadt erwachte gerade erst.
im fruehnebel nur das leise surren meines kameraverschlusses.
die intimitaet des laechelns einer vorbeigehenden jungen frau.
bald wuerde alles wieder werden wie gewohnt.
die gondeln wuerden gondeln,
und man begegnete sich wieder unter fremden.

wer stahl die stadt?

der nebel wurde dichter und nahm der stadt ihre konturen.
nur die boote widersetzten sich noch dem verschwinden.
es schien, als warteten sie darauf,
dass die welt wieder sichtbar wuerde.

ankuendigung der farben

alles wirkte grau an diesem morgen.
ob die roten kisten dort hingestellt worden waren,
um eine empfindsame seele daran zu erinnern,
dass die farben wiederkehren wuerden?

orientierung

vielleicht besteht orientierung nicht darin,
das ziel zu sehen.
sondern nur den naechsten pfahl.

einladung zum fruehstueck

die moeve landet auf dem gelaender vor mir.
man weiss: touristen sind ein lohnendes ziel.
was sie sich von mir erwartet, ist klar.
bald gibt es fruehstueck im zimmer bei offenem fenster.
wenn sie mir folgt, auch fuer sie.

muesiggang

frueher vormittag.
die hektik der menschen
hat diesen winkel noch nicht erfasst.
noch hat hier niemand beschlossen,
es eilig zu haben.

alltag mit boot

in dieser stadt
kommt man um die frage nicht herum,
wie es wohl sein mag,
morgens in ein boot zu steigen,
um zur arbeit zu fahren,
und es abends wieder zu besteigen,
um nach hause zu gelangen.

nicht gelegentlich.
jeden tag.

leise farben

pastellweiss,
das tuerkis der lagune,
ein wenig ocker.
mehr farben
brauchte dieser morgen nicht
(... nur das boot hatte andere plaene).

in der stille
werden auch die leisen farben sichtbar.
spaeter
wuerde man sie wieder uebersehen.

flugschrift

meine kamera suchte die moeve,
gefunden hat sie ihren flug.
zum glueck fuer den fotografen,
- die moeve moege mir verzeihen.

farben 1 - geschenk auf zeit

soviel farbe
nach all dem grau
war etwas verstoerend.
fast haette ich mir gewuenscht,
sie nicht entdeckt zu haben,
um nachher nicht wieder
auf sie verzichten zu muessen.

farben 2 - festgewand

fuer wen waren all die bunten tuecher gedacht?
sie leuchteten, wie fuer ein fest.
doch der platz war leer.
waren die gaeste
noch nicht gekommen,
oder schon gegangen?

farben 3 - an einen anderen ort

es war nicht zu aendern:
die farben hatten den platz besetzt.
sie hingen zwischen den saeulen
wie grosse segel,

als wollten sie den besucher
fuer einen augenblick
an einen anderen ort tragen.

anflug

noch ein fluegelschlag.
vielleicht zwei.

dann waere die suche beendet
und die landung geglueckt.

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uebergaenge
in venedig ist man staendig mit uebergaengen konfrontiert: mit boegen, lauben, durchgaengen, bruecken und engen gassen. diese stadt zeigt sich nicht auf einmal. sie offenbart sich stueck fuer stueck.

uebergaenge faszinieren mich. sie verbinden nicht nur zwei punkte, manchmal verbinden sie auch zwei zustaende, zwei gedanken, zwei entwicklungsstadien eines menschen. wo sie fehlen herrscht stillstand.
uebergaenge 1 - ohne titel

bruecken zu bauen, erfordert optimismus.
es wird davon ausgegangen, dass zwei getrennte ufer
miteinander verbunden werden koennen, ja sollen.

uebergaenge 2 - ohne titel

... aber woher stammt der optimismus?
vielleicht einfach daher, dass wir menschen uns so schwer
mit grenzen abfinden koennnen?

uebergaenge 3 - dem licht entgegen

auf der einen seite schatten,
auf der anderen licht.
und dazwischen nur wenige schritte.

welch eine erleichterung!
wie von selbst
faellt die beklommenheit von mir,
als ich ins licht trete.

uebergaenge 4 - vorbei und nie wieder

"wer bist du?" wollte ich fragen.
"wo gehst du hin?"

ich tat es nicht.

manchmal gehoeren menschen
fuer immer dem augenblick,
in dem man sie gesehen hat.
uebergaenge 5 - wege ans meer

als kind konnte ich mir
nicht recht vorstellen,
dass eine strasse oder weg
einfach aufhoeren koennte,
weil das meer beginnt.

hier fuehren alle wege ans meer.

ob sich die kinder hier wohl nicht vorstellen koennen,
dass es wege gibt,
die nie ans meer fuehren?

uebergaenge 6 - erscheinung

aus dem dunkel der bruecke glitt,
feierlich,
lautlos,
die gondel ins bild.

nicht wie ein boot.
eher wie eine erscheinung,
eine dunkle erinnerung,
oder eine duestere vorahnung.

schlichtheit

manche durchgaenge hegen keine ansprueche,
verbergen nichts.

von anfang an zeigen sie,
dass sich dahinter etwas befindet,
das voellig unspektakulaer ist,
und doch einen naeheren blick verdient,
und dieses foto.

motiv und fotograf

ich blieb stehen.
sie ging weiter.

vielleicht besteht darin
ein unterschied zwischen fotografen
und ihren motiven.

der weg oder das ziel?

ein nuechterner laubengang.
mit der wahrscheinlich schoensten aussicht ueberhaupt.
an seinem ende ein gitter.

ich fragte mich:
was ist das alles
mit unserem machen, bauen, lernen, lieben, hoffen,
wenn am ende doch immer gitter warten?

liegt der wert des weges tatsaechlich darin, ihn zu gehen?

hier ging ich ihn nicht.
ich versuchte es von der anderen seite aus.

erkenntnis

... auf der anderen seite gab es noch mehr gitter.
so viele gitter.
was war das geheimnis dahinter?

ich habe es nicht erfahren.
mir bleibt das bild ... und die erinnerung.

nur unter tauben?

erst waren es die farben, die meinen blick anzogen.
dann die tauben.

und schliesslich die frage,
ob ihre geschichten
unseren nicht viel aehnlicher sind, als wir denken.

entzauberung

schon wieder ein gitter. und eine gondel.
schicksalhaft schiebt sie sich ins bild.
ein leichtes erschauern,

bis ich die touristen
mit strohhueten, shorts und handys darin sah.

begegnung

sie kam direkt auf mich zu.
zumindest fuehlte es sich so an.

fuer einen kurzen moment,
schien sie ebenso neugierig zu sein wie ich.

die kraehen venedigs

die gondeln gehoeren zu venedig
wie die kraehen zu alten geschichten.
praechtig.
feierlich-duester.

und eine
leichte unruhe im gemuet erzeugend,
wenn man sie sieht.

motiv auf einer gondel

die figuren erzaehlen wohl von der ungestuemen see,
vom grossen mut der seefahrer.

der goldlack hingegen erzaehlt
von ruhm und groesse.
und von der alles zerbroeckelnden zeit.

zusammen erzaehlen sie von venedig.

freiheitsentzug

wie sie da lag,
einsam und schoen,
angekettet wartend,
erinnerte sie mich
an eines jener armen pferde,
die ihr leben damit verbringen muessen,
einem fremden willen unterworfen zu sein.
und sie tat mir leid.

buehne ohne vorstellung

die szene wirkte wie eine buehne
nach der vorstellung.

die schirme waren geschlossen.
als haetten auch sie verstanden,
dass heute niemand mehr kommen wuerde.

geometrie der wartung

selbst die ewigkeit hat einen instandhaltungsplan.

in ihm bilden rechteckige elemente einen reizvollen kontrast
zu den rundungen der kuppeln,
wodurch eine spannung entsteht,
die beide grundformen noch deutlicher hervorheben.

altern mit wuerde

an vielen orten
schien die stadt langsam zu zerfallen.
und doch verlor sie dabei
erstaunlich wenig von ihrer wuerde.

eingang ohne vorgarten

eine tuer.
dahinter vielleicht ein lagerraum,
vielleicht ein haus,
vielleicht eine geschichte.

davor wasser.
wie immer.

vielleicht gab es einmal ein paar stufen mehr.
aber was zaehlt das schon,
in einer stadt,
in der die meisten tueren
nie auf eine strasse fuehrten.

die mitte haelt

manche bilder leben nicht von dem, was geschieht. sondern von dem, was alles zusammenhaelt:

hier faszinierten mich die farben und ihre kombination:
das helle ocker, das lichte grau der steinplatten,
das patinagruen des daches.

und in der mitte genug dunkeles,
damit nichts auseinanderfaellt.

kein markt heute

fuer gewoehnlich wurde hier vermutlich gehandelt,
diskutiert, gerufen, getragen.

heute herrschte stille.
nur die huellen waren da: eingepackt, zusammengebunden, verborgen.

an einem markttag haette ich wahrscheinlich nur den markt gesehen.
jetzt sah ich den raum. und war froh darueber.

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am canale grande
frueher oder spaeter fuehren die wege hierher. zum canale grande. der grossen wasserstrasse der stadt. man kommt an ihm nicht vorbei. selbst dann nicht, wenn man es versucht.

lange blieb ich in den kleinen kanaelen, den stillen ecken und den schmalen durchgaengen. fast als ob ich seiner beeindruckenden praesenz nicht gewachsen gewesen waere und fuer diese begegnung erst kraft sammeln musste.
rueckgabe der stadt

die boote werden mehr, die stimmen lauter.
bisher hatte die stadt mir gehoert.
nun erinnerte sie sich daran,
dass sie nicht fuer fotografen gebaut wurde.
und verlangte sie langsam wieder zurueck.

nachgeben des tages

es war noch nachmittag. doch an diesem grauen wintertag
wurden die lichter frueh eingeschaltet.
der tag war noch da.
aber er hatte bereits begonnen, sich zurueckzuziehen
und eine erste ahnung des kommenden abends
lag schon auf dem wasser.

vor der nacht

nun war das tageslicht aschgrau geworden
die boote fuhren weiter wie zuvor,
doch es war bereits wieder ein dunstschleier aufgekommen
und schon kam einem der gedanke in den sinn,
dass die nacht kein guter zeitpunkt sein wuerde,
um ohne bleibe, oder allein zu sein.

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rueckzug
irgendwann beginnt der rueckzug. nicht abrupt.
zuerst verschwinden die farben, dann die details, dann die menschen.
zurueck bleiben wasser, lichter und erinnerungen.
eine letzte fahrt

es war spaet geworden.
das licht reichte gerade noch fuer eine letzte fahrt.
die goldenen spiegelungen
stammten laengst nicht mehr von der sonne,
sondern von den lampen am ufer.

die konturen wurden schemenhaft, die bewegungen schneller.
zu schnell, um sie festzuhalten.

fragmente

eine gondel, ein ruder, ein mensch.
die daemmerung reduzierte alles auf das wesentliche.
nur eines blieb klar:

man war auf dem weg nach hause,
der tag war vorbei.

abschluss

waehrend die stadt langsam verschwand, blieb er noch eine weile sitzen. als muesse man dem tag nicht sofort folgen, wenn er geht.

er schien auf niemanden zu warten.
er war wohl angekommen, fuer heute.

so auch ich.