die abtei san galgano

der anlass fuer die entstehung dieses ortes ist schnell erzaehlt:
ein mann, ein ausschweifendem leben. umkehr. einsamkeit. verzicht.
erhebung zum heiligen. eine abtei.

seit jeher versuchen wir, solche besonderen lebenswege hervorzuheben. manchmal aus glauben. manchmal aus dem beduerfnis nach vorbildern. manchmal vielleicht auch, um uns zu versichern, dass auch das eigene leben sich noch aendern kann.

ich wollte an diesem ort keine erklaerungen finden sondern ihn einfach auf mich wirken lassen und sehen, ob er mir etwas erzaehlen moechte.

san galgano, siena - oktober 2016
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annaeherung

schon aus der ferne beeindruckt das bauwerk
in seiner umgebung.
ganz natuerlich beginnt man,
es zunaechst langsam von aussen zu umrunden,
bevor man eintritt.

aehnlich einem wildtier,
das unbekanntes auch
erst beobachtet.
dann naeherkommt.
und erst ganz zum schluss entscheidet,
ob es sich darauf einlaesst.

kontakt

anfang oktober.
das licht ist golden, die luft mild.
die jahreszeit, die ich am meisten liebe.
vielleicht weil ich in ihr geboren wurde.

als ich um die abtei schlenderte, wusste ich,
dass man zeit kaum besser verbringen kann.

und versuchte,
moeglichst viel von diesem augenblick mitzunehmen.

fuer jene tage, an denen weniger licht da sein wird.

eintauchen

kirchen entfuehren uns
in ihre eigene welt.

wenn wir sie betreten,
ist es fast so,
als waere es keine begegnung
zwischen mensch und bauwerk,
sondern zwischen
persoenlichkeiten.

was davon
wird in einer abtei
ohne dach und fenster
wohl noch uebrig bleiben?


wieder verbunden?

kirchen setzen gewissermassen eine trennung
zwischen mensch und natur voraus.

doch hier schritt man auf erdboden,
hatte den freien himmel ueber sich.
die elemente durchwirken einander
die trennung scheint aufgehoben.

welche erleichterung.

erinnerung in stein

ein eindrucksvoller teil
der abtei.

hier sollte man spueren,
dass es um etwas grosses ging.

und doch frage ich mich,
ob ein einsiedler
sich in einem solchen bauwerk
wiedererkannt haette?

vision

wie ein fremder koerper.
massig wie ein urtier.

er schien aelter als die mauern um ihn.
ja aelter als der heilige selbst.

fuer einen augenblick
waren sie ploetzlich da.
lange naechte. feuer. bemalte gesichter. trommeln.
ekstatische taenze.

rituale,
deren namen niemand mehr kennt.

ordnung

erstaunlich,
wie viel ordnung
ein leerer raum
ausstrahlen kann.

und mit ihr
auch schoenheit.

auf der sonnenseite

auf der sonnenseite
nahm die kraft des lichtes zu.

es vergoldete den raum.
alles wirkte kostbar.
wie ein juwel.

und ich war mir sicher:
dieses licht
koennte heilen.

die sonnenuhr

die zeit tickt nicht,
falls es sie gibt, fliesst sie.

wie ein breiter, traeger fluss.

das licht der rosette
wanderte weiter. kaum merkbar
und doch sichtbar.

wie unser leben.

schattenfaenger

mir will scheinen,

mein blick
falle auf das licht
nur fuer kurz.

um dann
die dunklen bereiche
abzutasten.

als suche ich dort nach mir selbst.

entwicklung

beim anblick dieses ganges
fragte ich mich wieder einmal,
ob wir heutigen menschen
den menschen der vergangenheit
wirklich ueberlegen sind.

es ist eine jener annahmen,
mit denen wir
stillschweigend
leben.

vielleicht weil zu vieles
davon abhaengt.

zeitreise

langsam gehe ich
bogen um bogen,
saeule um saeule,
dem ausgang entgegen.

mein jahrhundert fordert mich
wieder zurueck.

haben sich fragen ergeben?
mehr als ich antworten
gefunden habe.

aber der viele raum
hat auch in meinem kopf
platz geschaffen.

fuer alles,
was nun kommen mag.